25.11.2016 von

Crowdworking: Zwischen Chance und Risiko

Arbeit an Crowdworker auszulagern, ist für Unternehmen verführerisch und für die Internet-Plattformen, die diese „Arbeiter auf Abruf“ vermitteln, lukrativ. Doch häufig ist dabei Vorsicht geboten, denn leicht finden sich Auftraggeber ungewollt in der Rolle des Arbeitgebers wieder.

Unsere Zeit ist schnelllebig geworden: Wer will heute schon lange auf eine Essensbestellung, eine Geldüberweisung, neue Schuhe oder das Erstellen einer Website warten? Und wenn wir bestellen, dann bitte beim Bestbieter, ausgewählt aus einer Vielzahl von Anbietern. Dieser Trend findet sich auch im unternehmerischen Alltag wieder: Langjährige Lieferantenbeziehungen gehören der Vergangenheit an, Projekte wollen wir mit jeweils passenden Partnern rasch und effizient umsetzen. Diese Grundhaltung trifft auf eine Generation, die es in weiten Teilen ablehnt, bei ihrer Arbeit an örtliche oder zeitliche Vorgaben gebunden zu sein. Das Crowdworking-Konzept macht sich diese Entwicklungen zunutze, indem es einen schnellen, kostengünstigen und vor allem einfachen Zugang zu Dienstleistungen anbietet.

Das Crowdworking-Konzept

Beim Crowdworking bieten Unternehmen über eine Online-Plattform der sogenannten Crowd, also einer Vielzahl von Personen, die bei der Plattform registriert sind, Arbeitsaufträge für Dienstleistungen an. Crowdworking-Dienstleistungen sind vielfältig und umfassen typischerweise sogenannte „Microtasks“ wie das Sammeln von Daten oder Textkorrekturen, aber auch anspruchsvollere Aufgaben wie das Testen von Websites, Handwerkerarbeiten und sogar medizinische Beratung, Rechtsdienstleistungen und Programmiertätigkeiten.

Entscheidet sich ein sogenannter Crowdworker, den Auftrag anzunehmen, kann er seine Dienstleistung meist zeitlich und örtlich flexibel am PC, Smartphone oder Tablet erledigen. Bisweilen stellt die Plattform auch die Infrastruktur für die Auftragsbearbeitung zur Verfügung, also zum Beispiel Eingabemasken für das Einstellen von Aufträgen, Bewertungs-Tools oder Statusberichte zum Auftrag sowie Bezahlsysteme.

Unternehmen, die Arbeiten auf diese Weise über AppJobber, Clickworker, Jovoto, Helpling, Freelancer oder die österreichischen Anbieter MyHammer, MeinArztOnline oder Book a Tiger outsourcen, profitieren von einem Arbeitskräftepotenzial, auf das sie bei traditioneller Bewerbersuche niemals Zugriff hätten. Die meisten Plattformen agieren nämlich grenzüberschreitend und sind darauf ausgerichtet, dass Arbeitskräfte von jedem Ort der Erde Aufträge annehmen und erledigen können.

Crowdworking beschleunigt Auftragsabwicklung

Clickworker hat nach eigenen Angaben mehr als 700.000 und App-Jobber alleine in Europa mehr als 300.000 registrierte Crowdworker. Branchenriese Freelancer bringt es weltweit sogar auf mehr als 20 Millionen User. Auch die Geschwindigkeit, in der Crowdworking-Aufträge vergeben und abgewickelt werden, ist drastisch höher als bei einer herkömmlichen Auftragsvergabe (inklusive Professionistensuche, Formulierung des Auftrags und Einholung des Kostenvoranschlags). Das Einstellen eines Auftrags lässt sich binnen Minuten erledigen, die Auftragserledigung bewegt sich je nach Schwierigkeitsgrad üblicherweise zwischen wenigen Stunden und einigen Tagen.

Crowdworker wiederum kommen aufgrund der weltweiten Einspeisung von Aufträgen in die Plattform und der digitalen Verfügbarkeit der Aufträge auf einem einheitlichen Marktplatz an Arbeiten, die auf dem normalen Arbeitsmarkt schlicht nicht verfügbar sind. Dabei müssen sie jedoch in Kauf nehmen, für ihre Dienste, vor allem die Microtasks, geringer entlohnt zu werden, als dies bei regulären Arbeitsverhältnissen der Fall wäre, und darüber hinaus mit ihren Konkurrenten in einem harten Wettbewerb zu stehen. So werden bei einer Reihe von Plattformen Crowdworker nach der Qualität ihrer erledigten Arbeitsleistungen gerankt. Je höher das Ranking, desto mehr beziehungsweise lukrativere Aufträge kann ein Crowdworker annehmen.

Wo liegen die rechtlichen Fallstricke von Crowdworking?

Das Crowdworking-Konzept beruht darauf, dass die Aufträge von Personen übernommen werden, die den Auftraggebern persönlich unbekannt sind und eigenverantwortlich arbeiten. Das bedeutet, dass zwischen den Crowdworkern und ihren Auftraggebern kein Arbeitsverhältnis begründet wird und folglich der rechtliche Schutz, den das Arbeits- und Sozialrecht Arbeitnehmern bietet, bei Crowdworkern nicht greift.

Für die Unternehmen ist diese Konstellation wirtschaftlich sinnvoll, weil sie Arbeitskräfte flexibel einsetzen können und nur die tatsächlich abgerufene Arbeit bezahlen müssen. Insbesondere Arbeitnehmerverbände wie Gewerkschaften und Arbeiterkammern sehen diese Arbeitsform jedoch kritisch. Sie befürchten, dass Crowdworker ihrer fundamentalen Arbeitnehmerrechte beraubt werden. Berechtigt ist eine solche Kritik (nur) dann, wenn Crowdworker in persönlicher Abhängigkeit arbeiten und folglich als „Scheinselbstständige“ zu qualifizieren sind.

Die AGB vieler Crowdworking-Plattformen enthalten detaillierte Bestimmungen, wonach zwischen der Crowdworking-Plattform und dem Crowdworker kein Arbeitsverhältnis zustande kommt und die Crowdworker selbst für das Abführen von Steuern und Sozialversicherungsabgaben verantwortlich sind. Diese Klauseln sind freilich nicht durchsetzbar, wenn tatsächlich ein Arbeitsverhältnis vorliegt. Auch findet sich regelmäßig der Hinweis in den AGB, dass die Plattform lediglich Dienstleistungen vermittelt, nicht aber Mitarbeiter. Dieser Hinweis ist vor dem Hintergrund nachvollziehbar, dass für die Vermittlung von Arbeitssuchenden zur Begründung eines Dienstverhältnisses eine eigene Gewerbeberechtigung erforderlich wäre.

Risiko Scheinselbstständigkeit

Liegt eine „Scheinselbstständigkeit“ und damit ein Arbeitsverhältnis vor, sind die Folgen für den Arbeitgeber gravierend. Dann nämlich muss er für den Crowdworker – soweit dieser seinen Arbeitsort in Österreich hat – Sozialversicherungsbeiträge abführen, den kollektivvertraglichen Mindestlohn und Überstunden bezahlen, Urlaub gewähren und andere arbeitsrechtliche Ansprüche erfüllen. Im Falle einer Unterentlohnung werden überdies hohe Verwaltungsstrafen nach den Vorschriften zur Bekämpfung des Lohn- und Sozialdumpings fällig.

Die Geschäftsmodelle von Crowdworking-Plattformen würden bei einer festgestellten Scheinselbstständigkeit der Crowdworker gehörig unter Druck kommen. Von Scheinselbstständigkeit können dabei sowohl das Rechtsverhältnis zwischen Unternehmen und Crowdworker als auch das zwischen der Plattform und dem Crowdworker betroffen sein.

Scheinselbstständigkeit im Verhältnis von Auftraggeber und Crowdworker

Das Besondere an Crowdworking ist, dass die Leistungserbringung internetbasiert, disloziert und ohne kollektivvertraglich oder gesetzlich geregelte Arbeitszeiten stattfindet. Auch verfügen die Crowdworker über eigene Betriebsmittel wie etwa Computer oder Internetanschluss. Aufgrund der großen Anzahl an potenziellen Vertragspartnern hat der einzelne Crowdworker häufig auch die Freiheit, einzelne Aufgaben abzulehnen. All dies spricht zunächst einmal gegen eine persönliche Abhängigkeit der Crowdworker und damit gegen die Begründung eines regulären Arbeitsverhältnisses. Wenn ein Auftraggeber aufgrund der Zufriedenheit mit der Arbeit eines Crowdworkers auf diesen laufend zurückgreift, als Gegenleistung aber verlangt, dass dieser zu bestimmten Zeiten persönlich zur Verfügung steht und sein Know-how (zum Beispiel kreative Programmiertätigkeiten) exklusiv nur dem einen Auftraggeber zur Verfügung stellt, kann sich das Bild rasch ändern.

Letztlich kommt es somit auf eine detaillierte Prüfung der Geschäftsbeziehung und die konkrete Ausgestaltung der Crowdworking-Plattform sowie der AGB an. Unternehmen tun daher gut daran, die Beziehung zu einem Crowdworker nicht allzu eng werden zu lassen und insbesondere keine Exklusivität der Leistungserbringung zu verlangen oder Vorgaben hinsichtlich der Zeiteinteilung oder des Arbeitsorts zu machen.

Scheinselbstständigkeit im Verhältnis von Crowdworking-Plattform und Crowdworker

Im Verhältnis zwischen Crowdworking-Plattform und Crowdworker ist ein Arbeitsverhältnis nur denkbar, wenn die Arbeitsleistung nach den AGB der Plattform selbst und nicht dem Auftraggeber geschuldet wird. Das ist beispielsweise dann denkbar, wenn die Plattform Qualitätsrichtlinien aufstellt, der Crowdworker seine Arbeitsergebnisse (zum Beispiel Website-Gestaltung) gemäß diesen Richtlinien abliefern muss und die Plattform – eventuell nach Verbesserungen durch den Crowdworker – die Ergebnisse an den Auftraggeber verschickt.

Eine persönliche Abhängigkeit und damit eine Scheinselbstständigkeit kann dann vorliegen, wenn das Interface der Plattform Kontrollmechanismen (wie das Protokollieren des Arbeitsfortschrittes durch die Erstellung von regelmäßigen Screenshots) aufweist, die Crowdworker von den Auftraggebern (zum Beispiel durch die Vergabe von Punkten) bewertet und damit in gewisser Weise „diszipliniert“ werden, die Arbeitsleistung durch die Plattform kontrolliert wird und Zeitvorgaben für die Erledigung von einzelnen Aufträgen bestehen.

Welches Recht gilt für Crowdworker?

Nach der EU-Verordnung 593/2008 („Rom-I-Verordnung“) ist bei Dienstleistungsverträgen primär die Rechtswahl ausschlaggebend für das anwendbare Recht. Auf das Rechtsverhältnis der Crowdworker mit der Plattform beziehungsweise den Auftraggebern ist also grundsätzlich jenes Recht anwendbar, das in den AGB der Plattform vorgesehen ist.

Liegt jedoch ein „echtes“ Arbeitsverhältnis vor, ist nach der Rom-I-Verordnung das Recht jenes Staates anwendbar, in dem der Arbeitnehmer seinen gewöhnlichen Arbeitsort hat. Ein Crowdworker müsste also die Arbeit von Österreich aus erbringen, um sich auf das österreichische Arbeitsrecht berufen zu können. Textgestaltungen und andere typische Crowd-Arbeiten lassen sich aber in einem Prager Hotelzimmer genauso gut durchführen wie im New Yorker Central Park oder einer Wohnung in Wien. Diese Möglichkeit zur Mobilität nutzen viele Arbeitskräfte, was oft dazu führt, dass sich der gewöhnliche Arbeitsort nicht feststellen lässt.

In diesem Fall unterliegt das Arbeitsverhältnis nach der Rom-I-Verordnung dem Recht des Staates, in dem sich die Niederlassung des Arbeitgebers des Crowdworkers befindet. Ob dies die Crowdworking-Plattform oder doch der Auftraggeber ist, ist nach den Umständen des Einzelfalls zu beurteilen. Ist der Auftraggeber beispielsweise ein italienisches Einzelhandelsunternehmen, das durch die eine örtlich nicht zuordenbare „Crowd“ Kundenlisten bearbeiten lässt, ist italienisches Arbeitsrecht anwendbar.

Conclusio

Die arbeitsrechtliche Einordung von Crowdworkern ist noch weitgehend ungeklärt. Aufgrund der Vielfalt der Crowdworking-Modelle ist auch nicht zu erwarten, dass in absehbarer Zeit eine universell anwendbare Lösung aller offenen Fragen gefunden wird. Trotzdem gilt es, die Crowdworking-Entwicklung aufmerksam zu verfolgen, damit der Arbeitnehmerschutz nicht zu kurz kommt und ambitionierte Unternehmen nicht in die Scheinselbstständigkeits-Falle tappen.

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Dieser Text stammt aus der November-Ausgabe 2016 von „personal manager – Zeitschrift für Human Resources“.

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