19.11.2018 von und

Deepfake-Videos: Selig, die sehen und doch nicht glauben

Mit Deepfake-Videos ist eine verführerische Technologie marktreif. Doch dem Einsatz sind enge rechtliche Grenzen gesetzt.

In der Bibel heißt es noch: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“ In der modernen digitalen Welt könnte es bald heißen: „Selig sind, die sehen und doch nicht glauben!“ Rund um den Jahreswechsel erregten Pornovideos die Gemüter, in denen prominente Schauspielerinnen zu sehen waren. Wie sich herausstellte, wurden die schlüpfrigen Filmchen mithilfe künstlicher Intelligenz erzeugt.

Der dafür eingeführte Begriff „Deepfake“ setzt sich aus den Wörtern „Deep Learning“ und „Fake“ zusammen. Computerprogramme analysieren mittels „Deep Learning“ umfangreiches Audio- und Videomaterial einer Person und können so täuschend echt wirkende Filme erstellen, in denen die Person zu sehen ist und beliebige Äußerungen von sich gibt.

Technik für Deepfake-Videos inzwischen marktreif

In den vergangenen Monaten wurde die Technik rasch perfektioniert, sodass die Videomanipulationen mit vernünftigem Aufwand nicht mehr erkennbar sind. In den USA steigt die Nervosität, dass bei den bevorstehenden Midterm-Elections erstmals manipulierte Fake-Videos eingesetzt werden, um dem politischen Gegner unliebsame Statements in den Mund zu legen.

Aber auch in der Wirtschaft blühen die Phantasien, was sich mit der Technik anstellen lässt. Deepfake-Videos sind insbesondere für die Werbe- und Filmbranche eine interessante Innovation, weil vielbeschäftigte Berühmtheiten oder bereits verstorbene Personen ohne deren unmittelbare Mitwirkung dargestellt werden können. So wurden bereits Barack Obama in einem politischen Video Worte in den Mund gelegt oder die Schauspielerin Carrie Fisher für ihre Rolle als Prinzessin Leia im letzten Star-Wars-Film wieder zum Leben erweckt. Um die Technik einsetzen zu können, müssen allerdings zahlreiche rechtliche Hürden genommen werden.

Auch gefälschte Daten sind Daten

Die abgebildeten Personen können sich gegen die unfreiwillige Mitwirkung meistens relativ effektiv zur Wehr setzen. In Österreich sorgt das Recht am eigenen Bild (Urheberrechtsgesetz) dafür, dass gegen die berechtigen Interessen der Abgebildeten keine „Personenbildnisse“ veröffentlicht werden dürfen. Ungefragt in einem Film oder einer Werbung mitzuwirken verletzt wohl fast immer die Interessen des Schauspielers, er kann daher Unterlassung und Schadenersatz fordern.

Ist der Schauspieler bereits verstorben, können seine Erben zumindest Unterlassungsansprüche geltend machen. Würde etwa Falco ohne Einwilligung seiner Erben mittels Deepfake-Video für Wahlwerbung eingesetzt werden, könnten diese die Verbreitung des Videos untersagen.

Überraschender ist ein anderes Schutzinstrument: Fotos und Videos von lebenden Personen sind personenbezogene Daten im Sinne der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Das gilt auch dann, wenn es sich um gefälschte Daten handelt, wie sie in Deepfake-Videos enthalten sind. Denn auch solche Daten beziehen sich auf eine identifizierte oder identifizierbare natürliche Person und dürfen nach der DSGVO nur in den in der Verordnung ausdrücklich vorgesehenen Fällen verarbeitet und veröffentlicht werden. Bei Deepfake-Videos kommt dafür nur die Einwilligung des vermeintlichen Schauspielers infrage. Wer diese nicht vorweisen kann, dem droht daher nach der DSGVO eine Geldbuße von bis zu 20 Millionen Euro.

Trainingsmaterial für Deepfake-Videos ebenfalls geschützt

Doch selbst wer eine Einwilligung des Schauspielers bzw. seiner Erben ergattert hat, muss noch eine weitere Hürde nehmen. Das Audio- und Videomaterial des Schauspielers, das zu Trainingszwecken in die Deepfake-Software gespeist wird, unterliegt meist einem urheberrechtlichen Schutz. Wer beispielsweise Marlon Brando zum Leben erwecken will und daher seine Deepfake-Software mit alten Brando-Filmen füttert, benötigt dafür eine Lizenz der Rechteinhaber. Dies gilt selbst dann, wenn im Deepfake-Video kein einziger Ausschnitt aus den alten Brando-Filmen zu sehen ist. Ansonsten würde der Hersteller des Deepfake-Videos eine Urheberrechtsverletzung begehen, für die die Rechteinhaber einen Schadenersatz in der Höhe der doppelten angemessenen Lizenzgebühr fordern können.

Konkurrent ist nicht gleich Konkurrent

Auch Mitbewerber können ein Interesse haben, gegen Deepfake-Videos vorzugehen. Geschäftspraktiken, die geeignet sind, Kunden zu täuschen und sie so zu Kaufentscheidungen zu verleiten, sind nach dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) rechtswidrig. Würde etwa in einem Deepfake-Video die kürzlich verstorbene Soul-Sängerin Aretha Franklin Werbung für ein neues Haarpflegemittel machen, wäre dies wohl unabhängig von einer Einwilligung der Erben irreführend. Ein erheblicher Teil des Publikums würde wohl glauben, dass Aretha Franklin selbst noch vor der Kamera stand und das Produkt gutgeheißen hat. Konkurrenten könnten in einem solchen Fall sowohl auf Schadenersatz als auch Unterlassung klagen.

Das UWG gilt allerdings nur im geschäftlichen Verkehr. Werden Deepfake-Videos daher ausschließlich im Bereich der politischen Auseinandersetzung genutzt, ist das UWG nicht anwendbar. Eine politische Partei kann der anderen die Nutzung von Deepfake-Videos daher nicht untersagen. Der unfreiwillige Darsteller des Deepfake-Videos kann hingegen sehr wohl wie oben dargestellt gegen das Video vorgehen.

Conclusio

So verlockend der Einsatz der neuen Technologie also auch sein mag: Unternehmen, die Deepfake-Videos einsetzen wollen, ist besondere Vorsicht geraten. Nicht nur Personen, die in Deepfake-Videos unfreiwillig dargestellt werden, sondern auch wirtschaftliche Konkurrenten können den Video-Hersteller auf Schadenersatz und Unterlassung klagen. Ist der unfreiwillige Schauspieler noch am Leben, droht dem Produzenten sogar eine Geldbuße von bis zu 20 Millionen Euro. Ist er das nicht, haben die Erben zumindest einen Unterlassungsanspruch.

Praktische Umsetzung der DSGVO in 12 Schritten

Dieser Text erschien unter dem Titel „Selig, die sehen und doch nicht glauben“ am 29. Oktober 2018 im „Rechtspanorama“ der Tageszeitung „Die Presse“. 

Videoserie „Die DSGVO in der Praxis“

In einer mehrteiligen Videoserie gibt Lukas Feiler Tipps, wie Unternehmen die Datenschutz-Grundverordnung in der Praxis umsetzen können:

Diese Videoserie beruht auf dem Buch von Lukas Feiler und Bernhard Horn: „Umsetzung der DSGVO in der Praxis – Fragen, Antworten, Muster“

Einführung in die Datenschutz-Grundverordnung

Für eine grundsätzliche Einführung in das Thema Datenschutz-Grundverordnung empfehlen wir Ihnen unsere erste Videoserie zur DSGVO:

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