25.07.2016 von

Crowdworking: Wie Sie Scheinselbstständigkeit vermeiden

Scheinselbstständigkeit ist eine ernste Gefahr: Schafft es ein Unternehmen, Tätigkeiten durch Crowdworker und nicht durch eigenes Personal ausführen zu lassen, kann die Profitabilität erhöht werden. Doch sowohl der Auftraggeber als auch die Vermittlungsplattform könnten sich plötzlich ungewollt in der Rolle des Arbeitgebers wiederfinden.

Welche Unternehmen von Crowdworking profitieren

Gerade in Österreich leiden Arbeitgeber unter der hohen Abgabenlast für „echte“ Dienstnehmer, der Fixkostenbelastung (z.B. Raummiete für Büros) für Personal und den strengen Arbeitnehmerschutzgesetzen, die Kündigungen erschweren. Besonders in dienstleistungsorientierten Branchen ist daher die Verlockung groß, anstelle von festangestellten Mitarbeitern freie Dienstnehmer einzusetzen, die für die Abführung von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen selbst verantwortlich sind.

Doch nicht nur Betriebe, die Dienstleistungen aus elektronischem Wege von Externen erledigen lassen („Digital Outsourcing“) profitieren von dieser Entwicklung. Spezielle Online-Plattformen haben sich auf die Vermittlung von Crowdworkern spezialisiert („Digital Brokering“).

Wer ein Problem bekommt

Unternehmen können nicht frei wählen, ob sie normale Dienstnehmer oder Personen einsetzen, die auf selbstständiger Basis die gewünschten Dienstleistungen erbringen. Das Beschäftigungsmodell hängt von der vertraglichen Vereinbarung und, noch wichtiger, von den tatsächlichen Gegebenheiten ab. Setzt ein Unternehmen Personen als „freie Dienstnehmer“ ein, die in Wahrheit echte Arbeitnehmer sind, spricht man von „Scheinselbstständigkeit“.

Folgende Faktoren deuten auf Scheinselbstständigkeit hin:

  • die persönliche Weisungsgebundenheit,
  • die disziplinäre Kontrolle des Arbeitgebers,
  • die fehlende Möglichkeit, sich durch andere Personen frei vertreten zu lassen,
  • wenn Aufträge nicht sanktionslos abgelehnt werden können,
  • die organisatorische Eingliederung in das Unternehmen,
  • die Verwendung von Arbeitsmitteln des Arbeitgebers und
  • ein Wettbewerbsverbot.

Auch Crowdworking-Plattformen könnten Arbeitgeber werden

Bei Crowdworking-Plattformen werden Arbeiten nicht einzeln an die Vertragspartner vergeben, sondern über das Internet einer Vielzahl von Personen (den „Crowdworkern“) angeboten. Die meisten Crowdworking-Plattformen sehen vor, dass die Crowdworker ihre Arbeitsleistungen als Selbstständige für andere erbringen. Regelungen dazu finden sich in den AGB der Plattformen. Darin wird regelmäßig ausdrücklich darauf verwiesen, dass die Crowdworker selbst für die Abführung von Steuern und Sozialversicherungsabgaben verantwortlich sind.

Doch folgende Umstände sprechen für ein echtes Dienstverhältnis mit der Crowdworking-Plattform:

  • Die Plattformen enthält ein System der Bewertung der Crowdworker;
  • die Plattform greift in die Preisgestaltung ein;
  • die Geschwindigkeit der Leistungserbringung wird vorgegeben oder kontrolliert;
  • die Leistungsinhalte werden von der Plattform kontrolliert;
  • die Plattform stellt die gesamte Infrastruktur zur Verfügung, in deren Umgebung die Dienstleistungen abgewickelt werden.

Die österreichische Arbeiterkammer fordert bereits rechtliche Mindeststandards für diese neue Arbeitsform und sieht dabei auch die Vermittlungsplattformen in der Pflicht.

Welche Konsequenzen hat Scheinselbstständigkeit?

Scheinselbstständigkeit kann zu hohen finanziellen Belastungen für ein Unternehmen führen. Die wichtigsten Folgen sind:

1. Arbeitsrechtliche Ansprüche von Crowdworkern

Eine als Selbstständiger beschäftigte Person, die eigentlich ein „echter“ Arbeitnehmer ist, hat weitreichende Ansprüche:

  • kollektivvertragliches Mindestgehalt inkl. Sonderzahlungen
  • vollen Urlaubsanspruch
  • Entgeltfortzahlung im Krankenstand
  • Überstundenentlohnung
  • Einhaltung von Kündigungsbestimmungen.

2. Verwaltungsstrafen wegen Honorar und Arbeitszeiten

Ein „Scheinselbstständiger“ hat Anspruch auf dieselbe Entlohnung wie ein normaler Arbeitnehmer. Falls das Honorar einer scheinselbstständigen Person niedriger ist als diese Entlohnung, droht dem Unternehmen eine Verwaltungsstrafe von bis zu 50.000 Euro – und zwar pro (!) Arbeitnehmer.

Darüber hinaus drohen bei Scheinselbstständigkeit Verwaltungsstrafen aufgrund der Nichteinhaltung des Arbeitszeitrechts von bis zu 3.600 Euro, wiederum pro Arbeitnehmer. Dabei geht es insb. um die Verletzung der Höchstarbeitszeit, der Ruhezeiten bzw. die Pflicht zur Führung von Arbeitszeitaufzeichnungen.

3. Nachzahlung von Sozialversicherungsbeiträgen

Das Unternehmen hat bei einer Scheinselbstständigkeit sämtliche Sozialversicherungsbeiträge (Krankenversicherung, Unfallversicherung, Pensionsversicherung) an die Gebietskrankenkasse nachzubezahlen, und zwar sowohl die Dienstnehmer-, als auch die Dienstgeberbeiträge. Darüber hinaus haftet das Unternehmen für Beitragszuschläge, Verzugszinsen und Verwaltungskosten, die aufgrund der Nichtabführung von Sozialversicherungsbeiträgen anfallen.

4. Nachzahlung der Lohnsteuer bei Crowdworking

Bei der Feststellung eines echten Dienstverhältnisses trifft den Unternehmer die Lohnsteuerpflicht. Das Unternehmen hat also bei einer festgestellten Scheinselbstständigkeit die Lohnnebenkosten (Dienstgeber-Beitrag zum Familienlastenausgleichsfonds, Zuschlag zum Dienstgeberbeitrag, Beiträge zum System der Abfertigung neu, Kommunalsteuer, in Wien die U-Bahn-Steuer) nachzuzahlen. Hat die scheinselbstständige Person keine Einkommensteuer bezahlt, haftet das Unternehmen zudem für die entsprechende Lohnsteuer. Dazu kommt ein (erster) Säumniszuschlag von derzeit zwei Prozent.

Zu beachten ist auch, dass bei einer Umqualifizierung in ein lohnsteuerpflichtiges Dienstverhältnis grundsätzlich von einer Nettolohnvereinbarung auszugehen ist. D.h. das vereinbarte „Honorar“ wird bloß als Nettolohn angenommen und Lohnabgaben (Lohnsteuer, Dienstgeberbeitrag etc.) sind von diesem (ausbezahlten) Nettoentgelt hochzurechnen. In Summe kann daher die per Haftungsbescheid vorgeschriebene Lohnsteuer etwa gleich hoch sein (!) wie das Honorar des Scheinselbstständigen. Derartige Nachzahlungen können für ein Unternehmen existenzbedrohend sein.

Wer noch von Scheinselbstständigkeit betroffen ist

Scheinselbstständigkeit kann in allen Bereichen vorkommen, es zeigt sich aber eine Häufung in gewissen Branchen.

1. Solo-Selbstständige in den Bereichen Kreatives, Medien, Bildung und IT

Durch den digitalen Wandel sind nicht nur neue Berufsbilder entstanden, es werden Dienstleistungen regelmäßig auf sogenannte „Solo-Selbstständige“ ausgelagert. Darunter versteht man Selbstständige, die keine weiteren Mitarbeiter beschäftigen und vor allem im Kreativ- und Mediensektor (z.B. Werbefachleute, Publizisten), im Bildungsbereich (z.B. Coaches, Nachhilfelehrer) und IT-Bereich (z.B. Programmierer, Cyber-Security-Fachleute, Webdesigner) ihre Dienste auf Online-Basis außerhalb der unternehmerischen Infrastruktur des Auftraggebers erbringen.

2. Lieferservice-Anbieter

Die Versorgung mit Nahrungsmitteln und anderen Konsumgütern hat sich zu einem lukrativen Geschäftszweig entwickelt. Der Dreh- und Angelpunkt für den Erfolg des Geschäftsmodells ist die rasche und unkomplizierte Warenzustellung. Während manche Unternehmen dabei auf angestellte Fahrer setzen, greifen gerade junge Start-ups wegen der Angst vor hohen Personalkosten deutlich häufiger auf selbstständige Zulieferer zurück. Das Risiko der Scheinselbstständigkeit ist dann hoch, wenn die Zusteller z.B.

  • die Betriebsmittel (Auto, Fahrrad, Smartphone) des Lieferservice verwenden;
  • der Zeit- und Qualitätskotrolle des Lieferservice unterliegen;
  • Lieferaufträge nicht sanktionslos ablehnen können und
  • einheitliche Arbeitskleidung tragen müssen.

3. Auslagerung an Start-ups („Corporate Venturing“)

Gerade für Unternehmen in Mitteleuropa, die mit hohen Arbeitskosten zu kämpfen haben, ist der Vorsprung durch digitale Innovation besonders wichtig. Zahlreiche Unternehmen setzen bei der Entwicklung innovativer digitaler Lösungen nicht nur auf ihre eigene F&E-Abteilung, sondern auch auf die besonders kreative Start-up-Szene. Auch hier besteht das Risiko der Scheinselbstständigkeit, wenn die Gründer nur für ein Unternehmen arbeiten, dessen Arbeitsmaterialien benutzen und ihre kreativen Leistungen letztlich diesem zugutekommen.

Conclusio

Die Auslagerung von Aufgaben an Crowdworker ist verführerisch. Doch häufig handelt es sich um Scheinselbstständige. Den Auftraggebern drohen unangenehme Konsequenzen:

  • Nachzahlungen an die Crowdworker
  • Verwaltungsstrafen
  • Nachzahlungen an Finanzamt und Sozialversicherung

Doch auch Crowdworking-Plattformen laufen Gefahr, als Arbeitgeber eingestuft zu werden.

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