13.09.2017 von

Stefan Fleig: „Viele Streitigkeiten zwischen Gesellschaftern sind unnötig“

Wer sich das passende Gründer-Team sucht und rechtzeitig die wichtigsten Fragen vertraglich regelt, müsse sich vor Streitigkeiten zwischen Gesellschaftern nicht fürchten. „Digital Wave“ sammelte Ratschläge beim erfolgreichen Start-up-Gründer Stefan Fleig.

Digital Wave: Was sind aus Ihrer Sicht die drei häufigsten Gründe für Streitigkeiten unter Gesellschaftern?

Stefan Fleig: Reibungspunkte zwischen Gesellschaftern können auf ganz verschiedenen Ebenen entstehen. Das ist per se nichts Negatives. Mit einer gesunden Diskussionskultur lässt sich so etwas nicht nur bewältigen, sondern kann auch befruchtend sein. Wenn aber zum Beispiel die Einigung über die Anteilsverteilung bereits zu Beginn schon besonders zäh ist, ist das kein gutes Vorzeichen.

  • Ein ganz großer Fehler, den ich ab und zu beobachtet habe: Manchmal knien sich Teams über ein Jahr lang in ein Projekt hinein, ohne irgendwelche schriftlichen Vereinbarungen abgeschlossen zu haben. In ihrer Euphorie entwickeln sie über Monate Prototypen um Prototypen, aber wem das Unternehmen eigentlich zu welchen Anteilen gehört, haben sie nie sauber festgehalten. Schritt für Schritt werden diese Projekte dann ernster, entwickeln eine Eigendynamik und irgendwann kommt der Punkt, wo die ordentliche Unternehmensgründung unumgänglich ist. Dann wird es aber meist ganz schwierig, diese Dinge noch zu regeln. Wer ist bereit, seinen vermeintlich sicheren Job zu kündigen und voll ins Risiko zu gehen? Wieviel hat jeder Einzelne bisher an Arbeit investiert und was ist das wert – vor allem, wenn jemand nicht mitzieht?
  • Das größte Konfliktpotential birgt aber vermutlich folgender Umstand: Ein Start-up hochzuziehen, ist eine Phase großer emotionaler und körperlicher Belastung. Ich kenne Startups, die mit Stolz von 80 oder mehr Wochenstunden berichten, und solche, wo nur selten nach 17:00 Uhr noch gearbeitet wird. Mittlerweile würde ich daraus keine Erfolgswahrscheinlichkeiten mehr ableiten. Natürlich gibt es in fast jedem Unternehmen Überstunden und Phasen erhöhter Belastung. Problematisch wird es aber eben dann, wenn das zum Dauerzustand wird und die konträren Auffassungen darüber, wie man arbeiten sollte, innerhalb eines Gründerteams dauerhaft aufeinanderprallen.

Wann man für Streitigkeiten zwischen Gesellschaftern vorsorgen sollte

Auf dem Weg von der Geschäftsidee zum Start-up – wann ist der richtige Zeitpunkt, für potentielle Streitigkeiten unter Gründern vorzusorgen?

Fleig: Definitiv noch nicht am Morgen nach der Party, bei der man die geniale Idee auf die sprichwörtliche Serviette gekritzelt hat. Aber wenn man sich einmal drei, vier Wochen intensiv mit der Idee beschäftigt hat, sich Feedback geholt hat, das Marktpotential geprüft hat und zu dem Schluss kommt, es angehen zu wollen – dann sollte man untereinander die wichtigsten Eckpunkte vereinbaren. Und aus meiner Erfahrung kann ich nur raten, schon in diesem Stadium bereits einen Anwalt zu Rate zu ziehen.

Ob es die Gründer wirklich ernst meinen, zeigt sich übrigens oft dann, wenn es darum geht, Geld auf ein gemeinsames Konto einzuzahlen. Wenn ihnen bewusst wird, dass ein gemeinsames Unternehmen auf die Dauer nicht mit dem Laptop im Wohnzimmer betrieben werden kann, bekommen manche kalte Füße.

Gerade junge Leute investieren oft lieber Zeit als Geld. Das kann also als erster kleiner Commitment-Test verstanden werden. Später dreht sich das Verhältnis dann eventuell um – die eigene Zeit wird als wertvoller wahrgenommen und es steht gleichzeitig mehr privates Kapital zur Verfügung.

Welche Streitigkeiten sich vermeiden lassen

Welche Probleme kann man überhaupt vorab durch Regeln sinnvoll abfangen?

Fleig: Wenn man sich schriftlich auf die Anteile, Aufgabenverteilung, Entscheidungsfindung, Kernarbeitszeiten, die Laufzeit des Vestingvertrages und sonstige Standardklauseln geeinigt hat, kann man aus meiner Sicht nicht mehr viel tun und nur auf das Beste hoffen. Von Anfang an die geleisteten Stunden mitzuschreiben, ist auch empfehlenswert.

Ich würde auch jedem Start-up raten, den Umgang mit anderen Projekten beziehungsweise Beteiligungen der Gesellschafter zu klären. Das Betreiben neuer Projekte neben der gemeinsamen Gesellschaft würde ich ausschließen. Viel schwieriger ist der Umgang mit bereits bestehenden Projekten der Gesellschafter.

Wesentlich erscheint mir, auch eine faire Möglichkeit zum Ausstieg zu schaffen. Vestingvereinbarungen, nach denen man erst nach vielen Jahren sämtliche Anteile zugeteilt bekommt, halte ich für unfair und führen fast zwangsläufig zu Problemen. Empfehlen würde ich Vesting über vier oder fünf Jahre mit einem Cliff nach dem ersten Jahr, die Zuteilung der ersten Anteile beginnt also bereits nach zwölf Monaten.

Warum asymmetrische Beteiligungen öfter zu Streitigkeiten führen

Was halten Sie von asymmetrischen Beteiligungen?

Fleig: Grundsätzlich bin ich ein Fan von gleichen Anteilen bei gleichem Arbeitszeitcommitment und finanzieller Beteiligung. Anteile auf Basis von geplanten Rollen, akademischen Titeln oder Lebensläufen unterschiedlich zu verteilen, führt schnell zu einer Schieflage. Ich würde niemanden in die Gesellschaft reinnehmen, den man schon zu Beginn nicht als gleichwertig wahrnimmt – dann ist es besser, Geld aufzustellen und ihn oder sie ganz normal anzustellen.

Wenn einer der Gesellschafter in Vorleistung getreten ist, sollte man sich das im Detail natürlich ansehen. Im Idealfall lässt sich das im symbolischen Bereich honorieren, ohne ein grobes Ungleichgewicht zu erzeugen.

Einen Vestingvertrag abzuschließen, um künftig die Unternehmensanteile an veränderte Beiträge der Gesellschafter anpassen zu können, ist aber jedenfalls sinnvoll.

Wie gelingt es, beim Gründen für eine noch sehr abstrakte Geschäftsidee eine Bewertungsformel und einen Aufteilungsschlüssel festzulegen?

Fleig: Wenn es zum Zeitpunkt des Ausstiegs noch keinen Investor gibt, dann ist die Bewertung tatsächlich schwierig. Gesellschaftsverträge sehen als Ausweg oft die Bewertung durch einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer vor – das ist aber für alle Beteiligten ein Vabanquespiel. Im Zweifel würde ich davon ausgehen, dass die Bewertung auf jeden Fall niedriger ausfällt, als im Rahmen einer Investmentrunde. Ich habe so eine Situation aber noch nicht erlebt.

Mit wem man sein Unternehmen besser nicht gründen sollte

Wer ist für Sie der ideale Gründungspartner?

Fleig: Wenn man bedenkt, dass rund 50 Prozent der Ehen geschieden werden, dann muss man hier realistisch sein. Mit seinem Co-Founder verbringt man oft mehr Zeit als mit seiner Frau – und gleichzeitig ist der psychische Druck bei einer Firmengründung gewaltig. Selbst Freunde, mit denen man seit vielen Jahren befreundet ist, lernt man bei so enger Zusammenarbeit von einer ganz neuen Seite kennen.

Vermeiden würde ich die Gründung mit einem Pärchen oder einem Geschwisterpaar. Da gibt es von vornherein ein Ungleichgewicht beim Vertrauen untereinander und in der Kommunikation. Außerdem besteht die Gefahr, dass private Konflikte allzu leicht ins Büro getragen werden. Speziell die Pärchen-Konstellation ist auch bei Investoren kein Pluspunkt.

Ideal sind vermutlich Teams, die sich schon beim Studium kennengelernt haben. Die haben gemeinsam Projekte umgesetzt, kennen die Arbeitsmoral des anderen und wissen spätestens bei einem Abgabetermin, wie man unter Stress reagiert.

Gibt es eine ideale Anzahl an Partnern?

Fleig: Ich bin ein Fan von Teams mit zwei bis maximal drei Personen. Die Fähigkeiten sollten sich ergänzen, mit möglichst wenig Redundanz. Wirklich bemerkenswert finde ich in diesem Zusammenhang die Runtastic-Geschichte. Die Gründer haben es nicht nur zu viert über die „Ziellinie“ geschafft, sondern sind auch nach dem Exit mit einer Investmentgesellschaft gemeinsam unterwegs. Eine positive Ausnahme auf mehreren Ebenen.

Bei Streitigkeiten weiter im Gespräch bleiben

Wenn bei einem Start-up Sand ins Getriebe kommt – wann sollte man die Reißleine ziehen?

Fleig: Die Leidensfähigkeit von Menschen ist bekanntlich sehr unterschiedlich. Da kann und will ich keine Tipps geben.

Wenn es zu Missstimmungen kommt, ist es wichtig, weiter im Gespräch zu bleiben und Probleme aktiv anzusprechen. Gerade, wenn ein Start-up noch ums Überleben kämpft, neigt man dazu, persönliche Befindlichkeiten zu ignorieren und Probleme dadurch zu verschleppen – oft, bis die Fronten total verhärtet sind.

Es ist wichtig, früh alle Beteiligten mit einzubeziehen. Aus einem inneren Impuls heraus will man Probleme vor Investoren geheim halten – aus Sorge um die nächste Investment-Tranche, um zu beweisen, dass man alles selbst im Griff hat, weil man sich vor den Investoren keine Blöße geben möchte. Dabei kann gerade in dieser Phase die Erfahrung von Business-Angels unglaublich wertvoll sein.

Aufstehen, abputzen und neustarten

Welche Tipps haben Sie für die Trennungsphase?

Fleig: Allein steht die Person da, die gehen möchte. Sie sollte deshalb möglichst früh anwaltlichen Rat einholen. Nicht selten enthalten Start-up-Verträge Mängel oder stehen überhaupt in Konflikt mit österreichischem Recht. Auch psychologisch ist das keine einfache Zeit. Abseits der zwischenmenschlichen Spannungen wird der Stress teilweise auch durch taktischen Zeitdruck erhöht. Verträge werden spät abends versendet und „müssen“ zwei Tage später unterschrieben werden. Man will die Sache rasch über die Bühne bringen.

Für diese Phase, braucht man jemanden, der einem den Rücken stärkt und auch strategische Beratungskompetenz hat. Wenn der ausscheidende Gesellschafter hier Zweifel hat, sollte er sich auch nicht scheuen, noch einmal den Anwalt zu wechseln.

Für die Gesellschafter, die bleiben, ist es wesentlich, die Interessenssphären auseinander zu halten. Der Anwalt des gemeinsamen Unternehmens kann nicht gleichzeitig nur für einen Teil der Gesellschafter tätig werden.

Solche Trennungen sind nicht das Ende der Welt – auch wenn es sich zwischenzeitlich so anfühlen mag. Aufstehen, abputzen und neustarten!

Stefan Fleig war einer der Gründer der Flohmarkt-App Shpock und der Ratgeber-Plattform Finderly. Jetzt ist er Miteigentümer von TableConnect, einem Unternehmen, das sich Smart Furniture wie interaktiven Touchtables verschrieben hat.

Conclusio

Der psychische Druck bei einer Firmengründung ist gewaltig. Deshalb sollte man vorab alle wichtigen Dinge geregelt haben. Dazu zählt nicht nur der frühzeitige Abschluss eines Gesellschaftsvertrages, sondern auch die richtige Partnerwahl.

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